An den Oberbarnimschulen stand das Fach Darstellendes Spiel in den vergangenen Monaten ganz im Zeichen gesellschaftlicher Verantwortung, von Empathie und kreativer Medienarbeit. Ermöglicht wurde dies durch eine großzügige Unterstützung aus dem „sozialgenial hilft“-Förderfonds der BBBank-Stiftung in Brandenburg. Bei „sozialgenial“ handelt es sich um das etablierte Service-Learning-Programm der Stiftung Aktive Bürgerschaft, das schulisches Lernen direkt mit gesellschaftlichem Engagement verknüpft. In Zusammenarbeit mit dem Schulförderverein „Freunde und Förderer der Oberbarnimschulen e. V.“ wurde hier ein Förderantrag gestellt und erfreulicherweise auch bewilligt. Die dadurch erhaltenen Mittel wurden gezielt für den Kauf von Kostümen und Requisiten verwendet, die entscheidend zum Erfolg der Schülerprojekte beigetragen haben und es uns ermöglichen, in Zukunft weitere Projekte durchzuführen.
Unter dem Titel „Respekt und Toleranz in Friedrich Hebbels „Maria Magdalene““ setzte sich die Klasse 12 des Beruflichen Gymnasiums in Kleingruppen intensiv mit Hebbels komplexem bürgerlichem Trauerspiel auseinander. Ziel dieses innovativen Unterrichtsansatzes war es, das Stück ganzheitlich zu erfassen und zugleich kreativ sowie kritisch auf die eigene Gegenwart zu beziehen. Der gesetzte Fokus auf die Werte Respekt und Toleranz erwies sich dabei als literaturwissenschaftlich fundiert und sprach direkt die reale Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler an. Über allem stand die Leitfrage, wie Intoleranz im Theaterstück entsteht und welche Parallelen sich zur heutigen Gesellschaft ziehen lassen.
Als Endprodukt entstanden vier Kurzfilme mit ganz unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen. Der erste Film widmete sich kommentierten Schlüsselszenen aus verschiedenen Akten: Eine Schülerin übernahm die Rolle der „Analystin“ und übertrug die respektlosen Mechanismen des Stücks in die Gegenwart. Der zweite Film inszenierte das Geschehen als fiktive Talkshow, in der die Hauptfiguren konsequent in ihren Rollen blieben, von der Moderation jedoch pointiert zu ihrem Verhalten befragt und regelrecht in die Zange genommen wurden. Die dritte Gruppe griff auf das visuelle Stilmittel der Parallelmontage zurück: Historisch anmutende Szenen mit altmodischen Requisiten wurden direkt mit farbigen Parallelszenen aus dem heutigen Schüleralltag kontrastiert – mit dem eindrücklichen Effekt, dass sich oft nur die Kulisse verändert hat. Der vierte Film näherte sich dem Thema provokant im Stil des modernen Trash-TVs, das hier wie ein Brennglas wirkte: Es führte gesellschaftliche Fehltritte schonungslos vor Augen und zwang das Publikum, die eigenen Toleranzgrenzen neu zu vermessen.
Das Projekt war der erste Versuch der Schülerinnen und Schüler, sich aktiv für diese Themen zu sensibilisieren. Bestärkt durch die durchweg positive Resonanz ist geplant, das Folgeprojekt im kommenden Schuljahr noch stärker nach außen zu öffnen – um den Service-Learning-Gedanken weiter in die Zivilgesellschaft hineinzutragen.
Dass die Auseinandersetzung mit diesen Werten bereits in jüngeren Jahren beginnt, zeigte sich in der 7. Klasse der Oberschule, die im Rahmen der feierlichen Abschlusszeremonie unter freiem Himmel eine Theateraufführung der berühmten Ballade von Johann Wolfgang von Goethe „Der Erlkönig“ aufführte. Die Schülerinnen und Schüler verbanden gekonnt die klassische Arbeit am Text mit modernen Elementen der Chorsprache und nutzten dabei das Schulgelände als natürliche Kulisse. In der Mitte des Rasens traten die Hauptdarsteller der Theatergruppe in Erscheinung, die in historischen Kostümen – wie einem langen schwarzen Mantel oder einer Weste und einem Hut – die dramatische Eskalation des Konflikts darstellten. Die Handlung wurde von einem Chor am Mikrofon begleitet, in dem die Schüler in einheitlichen Uniformen die Rolle des Erzählers übernahmen. Die Aufteilung auf Solistenrollen und den großen Chor machte deutlich, dass im Theater jeder ein untrennbarer Teil des Ganzen ist.
Während des intensiven Probenprozesses lernten die Schülerinnen und Schüler, einander Raum zu geben, einander zuzuhören, unterschiedliche Fähigkeiten anzunehmen und Fehler als Gruppe respektvoll anzugehen. So hat dieses Projekt eindrucksvoll bewiesen, dass klassische Balladen keineswegs überholt sind, sondern als wunderbarer Spiegel unseres täglichen gesellschaftlichen Zusammenlebens fungieren.

