„Ist das noch okay?“
Projektagebuch des Film- und Theaterworkshops
Vor dem ersten Tag
Im Rahmen einer Projektwoche setzen sich das Bertolt-Brecht-Gymnasium (Bad Freienwalde) und die Oberbarnimschulen (Eberswalde) unter dem Titel „Ist das noch okay?“ szenisch mit dem Thema Diskriminierung im Schulalltag auseinander. Ausgangspunkt des Projekts ist eine Umfrage zum gleichen Thema, die von Schüler*innen und Lehrer*innen der AG „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ des Bertolt-Brecht-Gymnasiums entwickelt und im Vorfeld an beiden Schulen durchgeführt wurde. Die Auswertung der Umfrage prägt die inhaltliche Ausrichtung der kreativen Projektarbeit und soll dazu beitragen, auf Diskriminierung im schulischen Alltag aufmerksam zu machen und die Schulgemeinschaft für dieses Thema zu sensibilisieren. Als Ergebnis des Projekts entstehen eine Videopräsentation sowie eine Theaterperformance, in denen die Schüler*innen ihre Erkenntnisse und Erfahrungen szenisch darstellen. Die Projekttage finden im Wechsel an beiden Schulen statt und fördern zugleich den sozialen Austausch zwischen den Schüler*innen über die Ortsgrenzen hinaus.
Tag 1
Klipp – Klapp – Zosch – Boing … schallt es durch den Raum. Bälle fliegen von rechts nach links. Und von links nach rechts. Der erste Projekttag beginnt am Gymnasium in Bad Freienwalde mit einer Kennenlernrunde, bei der sich die Teilnehmenden mithilfe interaktiver Spiele begegnen, Namen lernen und die Gruppen durchmischt werden.
Anschließend werden die Ergebnisse der Umfrage diskutiert und besonders auffällige Erkenntnisse herausgearbeitet. Dabei zeigt sich beispielsweise, dass die Toiletten für viele Schülerinnen als einziger Rückzugsort dienen und Diskriminierungen nicht nur von Jugendlichen, sondern teilweise auch von Erwachsenen ausgehen. Verschiedene Schauspielübungen, darunter die Darstellung ausgewählter Ergebnisse in Form von Prozentwerten, Blick- und Vertrauensübungen, stärken die Zusammenarbeit innerhalb der gemischten Gruppen. Anschließend werden ein Ausschnitt des Dramas „Freie Sicht“ von Marius von Mayenburg szenisch gelesen und Orte, die mit Diskriminierungserfahrungen assoziiert werden, fotografisch festgehalten. Zum Abschluss lernen die Teilnehmenden den jungen Filmemacher Samuel Rashed kennen, der neben der Schauspielerin Astrid Rashed das Projekt filmisch begleitet.
Bereits am ersten Projekttag entstehen über die Schulgrenzen hinweg erste Kontakte. Die Schülerinnen kommen miteinander ins Gespräch, entdecken gemeinsame Interessen und stellen fest, dass viele ihrer Erfahrungen unabhängig von Schule oder Alter ähnlich sind. Für einige ist bereits jetzt spürbar, dass dieser Workshop mehr werden könnte als eine Projektwoche – ein Ort, an dem Erfahrungen ausgesprochen werden dürfen, ohne bewertet zu werden.
Tag 2
Der zweite Projekttag startet dieses Mal in Eberswalde mit einem kurzen Blitzlicht zu Lieblingsfilmen. Im Anschluss werden Orte an den Oberbarnimschulen fotografisch festgehalten, die mit Ausgrenzungserfahrungen verbunden werden. Aus dieser Arbeit entsteht die Idee für den Kurzfilm „Piss Dich!“. Die Schüler*innen entwickeln die Geschichte, die Dialoge und die einzelnen Szenen gemeinsam. Auch Kameraarbeit, Bildgestaltung und die Vorbereitung der Dreharbeiten
übernehmen sie zunehmend eigenständig und erleben dabei, wie ihre eigenen Ideen filmisch Gestalt annehmen. Erzählt wird eine Situation während einer Gruppenarbeit im Unterricht, in der Ausgrenzung und verbale Demütigung scheinbar beiläufig entstehen und dennoch nachhaltige Wirkung entfalten. Dabei steht insbesondere die realitätsnahe Darstellung diskriminierender Situationen sowie deren Wirkung auf Betroffene im Mittelpunkt.
Viele Schüler*innen erleben dabei zum ersten Mal, dass sie ihre eigenen Erfahrungen nicht nur erzählen, sondern selbst gestalten und sichtbar machen können. Dieses Gefühl, selbst handeln zu können, verändert die Atmosphäre innerhalb der Gruppe spürbar. Zwischendurch wird gelacht, improvisiert und ausprobiert. Szenen werden verworfen, neu entwickelt und manchmal spontan verändert. Aus anfänglicher Unsicherheit entsteht nach und nach Spielfreude und der Mut, eigene Erfahrungen auf die Bühne und vor die Kamera zu bringen.
Tag 3
Der dritte Projekttag findet wieder an den Oberbarnimschulen statt. Dort schließen die Teilnehmenden die Dreharbeiten der Szene zum Thema Diskriminierung im Klassenraum ab. Anschließend sichten und schneiden sie gemeinsam das entstandene Videomaterial unter dem Titel „Piss Dich!“. Beim gemeinsamen Betrachten des Films wird deutlich, wie intensiv und authentisch die Szene wirkt. Die Schülerinnen sind sichtbar stolz auf ihr eigenes Werk und stellen zugleich fest, dass sie die emotionale Wirkung bewusst selbst provoziert und gestaltet haben. Viele äußern ihre Wertschätzung dafür, dass ihnen im Rahmen des Projekts ein geschützter Raum eröffnet wird, in dem sie ihre Erfahrungen offen ansprechen und künstlerisch verarbeiten können. Einzelne Schülerinnen beschreiben das Gefühl, nicht länger nur von Diskriminierung zu erzählen, sondern ihr etwas entgegensetzen zu können. Aussagen wie „Hier kann ich endlich zeigen, wie sich das anfühlt.“ oder „Ich bin nicht mehr nur hilflos.“ machen deutlich, wie wichtig der geschützte Raum des Projekts für viele Jugendliche inzwischen geworden ist.
Während des Schnitts arbeiten die Schülerinnen zunehmend eigenständig. Sie wählen Einstellungen aus, diskutieren Bildfolgen und entscheiden gemeinsam über Rhythmus und Wirkung der Szenen. Dadurch wachsen sowohl der Stolz auf das entstandene Werk als auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Darüber hinaus gestalten die Schülerinnen fotografische Szenen mit Playmobilfiguren oder Tierfiguren, um unterschiedliche Formen von Diskriminierung im Schulalltag sichtbar zu machen. Mit dem unbewegten Bild entsteht eine weitere Darstellungsebene neben Film und Theater.
Als Grundlage und Inspiration dienen wieder die Ergebnisse der zuvor an den Schulen durchgeführten Umfrage, die typische Situationen von Diskriminierung im Schulalltag beschreibt. Auch außerhalb der Workshopzeiten reißt der Austausch nicht ab. Über ihren gemeinsamen Chat diskutieren die Jugendlichen Ideen weiter, schicken Fotos, überlegen Änderungen und verabreden sich für den nächsten Projekttag. Was als Projektgruppe beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer Gemeinschaft. Im gemeinsamen künstlerischen Arbeiten entdecken sie Handlungsmöglichkeiten, wo zuvor häufig Sprachlosigkeit oder Hilflosigkeit erlebt wurden.
Tag 4
Am vierten Projekttag treffen sich die Teilnehmenden am Bertolt-Brecht-Gymnasium, um die Abschlusspräsentation szenisch weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt stehen Proben von Theaterszenen, die die Fotoausstellung und das entstandene Video miteinander verbinden und inhaltlich ergänzen. Dabei übernehmen die Schüler*innen zunehmend selbstständig
Verantwortung für die Proben, verteilen Texte eigenständig, entwickeln Übergänge und organisieren einzelne Abläufe selbst. Immer häufiger ziehen sich die Projektleiter bewusst zurück und erleben, wie selbstverständlich die Jugendlichen Verantwortung füreinander übernehmen. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, Rollen flexibel verteilt und Unsicherheiten gegenseitig aufgefangen. Darüber hinaus entsteht ein weiterer Kurzfilm. Darin werden Orte innerhalb der Schule gezeigt, die von den Schülerinnen mit Erfahrungen von Diskriminierung verbunden werden. Ergänzt werden die Bilder durch eingesprochene Aussagen aus den Umfrageergebnissen. Gemeinsam bilden Bild und Sprache eine atmosphärisch dichte filmische Collage, die den Erfahrungen der Schülerinnen eine eindringliche Ausdruckskraft verleiht.
Darüber hinaus entsteht ein weiterer Kurzfilm. Darin werden Orte innerhalb der Schule gezeigt, die von den Schülerinnen mit Erfahrungen von Diskriminierung verbunden werden. Ergänzt werden die Bilder durch eingesprochene Aussagen aus den Umfrageergebnissen. Gemeinsam bilden Bild und Sprache eine atmosphärisch dichte filmische Collage, die den Erfahrungen der Schülerinnen eine eindringliche Ausdruckskraft verleiht.
Tag 5
Der fünfte Projekttag findet an den Oberbarnimschulen statt und bildet den gemeinsamen Abschluss des Film- und Theaterworkshops. Nach letzten Proben, dem Aufbau der Ausstellung sowie der Fertigstellung der Ausstellungstexte bereiten die Schüler*innen gemeinsam mit Astrid Rashed ihre Präsentation vor. Dabei zeigt sich, wie konstruktiv die Jugendlichen zusammenarbeiten. Aufgaben werden gemeinsam übernommen, Absprachen eigenverantwortlich getroffen und gegenseitige Unterstützung ist längst selbstverständlich geworden.
Im Anschluss werden die entstandenen Arbeiten im Rahmen einer Vernissage präsentiert. Neben der Fotoausstellung, den beiden Filmen und den Theaterszenen erwartet die Besucher*innen ein gemeinsamer Austausch, zu dem kleine Snacks bereit stehen. Den Abschluss bildet eine Performance, in der die gerade präsentierten Situationen von Diskriminierung bewusst durchbrochen und verneint werden. Dadurch entstehen Irritation, Gesprächsanlässe und neue Perspektiven, die das Publikum dazu einladen, über eigene Erfahrungen, Haltungen und Handlungsmöglichkeiten nachzudenken.
Für viele Schüler*innen wird in diesem Moment spürbar, dass ihre Stimmen gehört werden und ihre Erfahrungen Bedeutung haben. Gleichzeitig nehmen sie die Erkenntnis mit, dass Diskriminierung nicht nur an der eigenen Schule existiert, sondern auch an anderen Schulen thematisiert wird – und dass gemeinsames Handeln, Offenheit und gegenseitige Unterstützung wichtige Schritte auf dem Weg zu einer respektvollen Schulgemeinschaft sein können.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erfahrung dieser Woche: Diskriminierung verschwindet nicht dadurch, dass man über sie schweigt. Sie verliert jedoch an Macht, wenn Menschen ihre Erfahrungen teilen, gemeinsam handeln und einander den Mut geben, nicht allein zu bleiben.
Dank einer großzügigen Finanzierung der Landeszentrale für politische Bildung, Dank des Fördervereins „Freunde des Brecht-Gymnasiums“ e.V. sowie Dank des Fördervereins „Freunde und Förderer der Oberbarnimschulen“ war dieses Projekt überhaupt nur möglich. Wir möchten uns hiermit bei unseren Förderern sehr herzlich bedanken!
Bericht: Theresa Drechsler, Madlen Benthien, Ulla Steuber
Fotos (9): Ulla Steuber